Anke Elisabeth Ballmann hat über 500 Kinderkrippen und Kindergärten in Deutschland besucht und erschreckende Taten an Kindern bezeugt. Nun enthüllt sie die "Seelenprügel", denen Millionen Kinder täglich ausgesetzt sind – und erklärt, welche Folgen das für die kindliche Entwicklung hat.

Lena besucht eine Kinderkrippe. Sie ist ein Jahr alt. Das Mädchen mit den dunklen Löckchen schlägt einem anderen Kind ein Spielzeug an den Kopf. Die Erzieherin sieht es und kommt drohend auf Lena zu. Sie schreit sie an: "Du gehst mir ja so was von auf die Nerven, du kleines Miststück.” Sie packt Lena am Arm und zieht sie aus dem Gruppenraum auf den Flur. Dort befiehlt sie ihr in harschem Ton, dass sie jetzt fünf Minuten alleine auf der Bank sitzen und darüber nachdenken muss, was sie gerade getan hat.

Lena ist ein Jahr alt. Man muss kein Entwicklungspsychologe sein, um zu erkennen, dass Lena nicht versteht, was sie falsch gemacht hat. Sie kann sich noch nicht in andere Menschen hineinversetzen, sie weiß gar nicht, dass sie dem anderen Kind wehgetan hat. Kann sie doch in ihrem Alter weder über ihr Handeln nachdenken, noch erkennen, was fünf Minuten sind. Vor allem ist Lena noch nicht in der Lage, einen direkten Zusammenhang zwischen ihrer Aktion und der Reaktion der Pädagogin herzustellen.


Sie sitzt jetzt alleine im Flur und weint. Niemand ist für sie da. Was löst das in ihr aus? Sie wurde laut beschimpft. Sie ist erschrocken, sie ist irritiert, sie fühlt sich völlig verlassen. Für eine Einjährige ist dieses Erlebnis eine emotionale Katastrophe, die mit hoher Wahrscheinlichkeit unerwünschte spätere Folgen haben wird.


Mit dieser erschreckenden Schilderung beginnt Dr. Anke Elisabeth Ballmanns Buch "Seelenprügel - Was Kindern in Kitas wirklich passiert. Und was wir dagegen tun können" (Kösel Verlag).

Die Pädagogin und Psychologin hat mehr als 500 deutsche Kitas und Kindergärten besucht und dabei eine Vielzahl problematischer Szenen miterlebt. Ihr Buch soll Eltern wie Erzieherinnen und Erzieher wachrütteln und für das Thema sensibilisieren. Denn die Folgen für seelisch misshandelte Kinder sind dramatisch.

FOCUS Online: Frau Ballmann, Eltern, die Ihr Buch lesen, werden vermutlich zutiefst schockiert sein. Um welche Verbrechen an Kindern geht es in Ihrem Buch?

Anke Elisabeth Ballmann: Es geht hauptsächlich um tiefe psychische Verletzungen wie ständige Demütigungen, Isolation, gewaltvolle Worte, erniedrigendes Verhalten und Ausüben von Druck, was in den Kindern immer große Ängste auslöst. Es gibt außerdem leider noch immer zu viele Erzieherinnen, die Kinder beispielsweise zum Essen, zum Schlafen und auch zur Teilnahme an Angeboten, an denen sie gar nicht teilnehmen wollen, zwingen. Und dies nicht mit zimperlichen Worten.

Wenn die Eltern gehen, schlägt die Stimmung schnell um

FOCUS Online: Was sind die schlimmsten Gewalttaten, die Sie miterlebt haben?

Ballmann: Für mich sind die schlimmsten und auch häufigsten Gewalttaten die subtilen und die, über die kaum jemand nachdenkt, die aber nachweislich Kinderseelen schädigen. Ganz oft müssen Kinder zum Beispiel nach einem vermeintlichen "Vergehen" alleine sein – wie zur Strafe auf dem Flur sitzen, das ist reine Tortur für die Kinder und kann als schmerzvolle Seelenprügel par excellence eingeordnet werden. Ebenso werden Kinder nicht immer ernst genommen, ihre Bedürfnisse werden von manchen Erzieherinnen einfach ignoriert. Und leider geht es auch manches Mal so weit, dass Kinder gezielt gequält werden.

FOCUS Online: Haben Sie da eine bestimmte Szene im Kopf?

Ballmann: Ein Beispiel: Ein Kind mag es nicht, wenn beim Mittagessen Soße über die Nudeln gegossen wird und zeigt diese Präferenz auch eindeutig. Eine genervte Erzieherin zwingt dieses Kind dazu, genau diese ungeliebten Nudeln mit Soße zu essen, indem sie ihm dieses Gericht brutal in den Mund schiebt. Es klingt unglaublich, aber Szenen dieser und auch noch anderer, härterer Art spielen sich in viel zu vielen Einrichtungen immer noch viel zu regelmäßig ab.


FOCUS Online: Wie ist es möglich, dass die Eltern davon nichts mitbekommen?

Ballmann: Eltern, die das Liebste, was sie haben, am Morgen in die Kita bringen, können sich gar nicht vorstellen, dass das freundliche Begrüßungslächeln von vielen Erzieherinnen erlischt, sobald sie alleine mit den Kindern sind und ein völlig, anderer, harscherer Ton angeschlagen wird. Ein Ton, der mit liebevollem Umgang, Verständnis und Wertschätzung und vor allem Respekt gegenüber den Kindern absolut nichts zu tun hat.

Seelenprügel hinterlassen messbare Spuren im Gehirn

FOCUS Online: Welche Folgen hat es denn für die Kinder, wenn so gewaltsam mit ihnen umgegangen wird?

Ballmann: Ich sage immer, dass psychische Gewalt unsichtbar wie Luft ist und zerstörerisch wie ein Orkan. Weil dadurch die Integrität der Kinder verletzt wird, weil ihnen ihre Würde dauerhaft genommen wird. Kinder, die psychische Misshandlungen ertragen müssen, können weder Selbstwert noch Selbstvertrauen aufbauen, und diese Defizite haben sowohl kurzfristige, als auch für das gesamte spätere Leben langfristige negative Folgen.

FOCUS Online: Gibt es Studien, die das bestätigen?

Ballmann: Untersuchungen belegen, dass seelische Verletzungen, genau wie körperliche Verletzungen, messbare Spuren im Gehirn hinterlassen. Diese psychisch misshandelten Kinder gehen anders mit Stress um, sind viel schneller ängstlich und gestresst, und dadurch ist zum Beispiel auch ihr Lernvermögen beeinträchtigt.

Sie glauben viel weniger an sich, trauen sich weniger zu, haben mehr Ängste und zeigen oft Verhaltensweisen, die sie selbst und/oder andere schädigen. Psychische Misshandlungen in der Kindheit haben sehr oft lebenslange Folgen.

FOCUS Online: Sie schreiben in Ihrem Buch, dass die meisten der etwa 13 Millionen Kinder in Deutschland in den ersten sechs Lebensjahren psychisch misshandelt werden. Das klingt dramatisch.

Ballmann: Ich will nicht schwarzmalen, aber ich wage zu behaupten, dass es in den meisten Kitas Erzieherinnen gibt, die wissentlich oder auch unwissentlich psychische Gewalt anwenden und das täglich, denn es ist ihr "normaler" Ton und Umgang mit den ihnen anvertrauten Kindern. Dabei ist es mir sehr, sehr wichtig, auf diese Tatsache immer wieder hinzuweisen: Die meisten Erzieherinnen sind wunderbar, liebevoll, äußerst professionell und bewusst und lieben ihren Beruf und die Kinder, mit denen sie zu tun haben! Mir geht es in meinem Buch ausschließlich um die schwarzen Schafe, die jedoch leider nicht selten sind.

Gewalttätige Erzieherinnen werden nur selten bestraft

FOCUS Online: Aber es muss doch jemandem auffallen, wenn so viele Kinder verletzt werden. Warum kommt es so selten zu Anzeigen und echten Strafen?

Ballmann: Das ist leider ein fataler Kreislauf aus Nicht-Hinsehen, ängstlichem Schweigen oder einer falschen Einschätzung der Vorgänge, vor allem durch die Kolleginnen der "Täterinnen". Von diesen werden viele Taten, beispielsweise abwertende Aussagen, gar nicht als so sehr gewaltvoll wahrgenommen.

Und gibt es dann doch einmal zivilcouragierte Erzieherinnen, die gewisse untragbare Vorfälle und fortgesetzte psychische Misshandlungen der Leitung melden, werden deren Aussagen nicht immer ernst genommen. Die mutigen Erzieherinnen bekommen dann oft selbst Probleme mit der Leitung oder dem Träger. Außerdem kommt es – auch wenn die Kollegin gehört wird – meist nur zu Gesprächen mit den "Täterinnen", und diese bekommen Chancen über Chancen, sich zu bessern. Was dann leider in den meisten Fällen nie passiert.

Nur in extremen Fällen, die meist auch körperliche Misshandlungen miteinschließen, folgen auch endlich arbeitsrechtliche Konsequenzen.

FOCUS Online: Wenn Erzieherinnen unbewusst psychische Gewalt ausüben – liegt es dann an einer unzureichenden Ausbildung?

Ballmann: Ja, oft – nicht immer – stimmt das vor allem in Bezug auf psychische Gewalt. Es reicht nicht aus, wenn in den Ausbildungen die Themen Kindeswohl und Schutz vor Gewalt thematisiert werden. Das Thema psychische Gewalt braucht besondere Beachtung, denn "Erziehungsmethoden", wie Kinder Strafe sitzen zu lassen, sind gesellschaftlich oft noch akzeptiert. Es ist noch viel zu selten klar, wie verheerend sich zum Beispiel Demütigungen auf Menschen auswirken können. Viele Erzieherinnen wissen wirklich nicht, was sie da eigentlich tun oder den Kindern antun – sie haben es oft selbst genau so erlebt in der eigenen Kindheit, und es ist als Verhalten deswegen normal für sie. Viele kommen gar nicht auf die Idee, dass gewaltvolles Verhalten auch still sein kann und ständig verabreichte abschätzende Blicke sehr weh tun können.

FOCUS Online: Wie könnte dem entgegengewirkt werden?

Ballmann: Am besten wären natürlich Eignungstests für diese Berufe, wie es sie ja für Piloten zum Beispiel schon gibt.

FOCUS Online: Was müsste sich denn kurz- und langfristig ändern, damit Kinder in Kitas wirklich gut aufgehoben sind?

Ballmann: Kurz- und langfristig brauchen wir eine Null-Toleranz-Grenze bei übergriffigem und gewaltvollem Verhalten Kindern gegenüber. Es muss in Zukunft schneller gehandelt werden, wenn etwas aus dem Ruder läuft. Und es müssen Aus- und Weiterbildungsangebote geschaffen werden, die wesentlich mehr auf die prinzipielle Eignung, Reflexionsfähigkeit und Persönlichkeitsentwicklung der Erzieherinnen achten.

Wie Eltern eine gute Einrichtung erkennen

FOCUS Online: Nach der Lektüre Ihres Buches muss man sich als Elternteil die Frage stellen, ob man sein Kind überhaupt guten Gewissens in Kita oder Kindergarten betreuen lassen kann. Was ist Ihre Meinung?

Ballmann: Ja, das kann man auf jeden Fall! Denn die Zeit, die ein Kind in der Kita verbringt, ist zwar wichtig – das absolut wichtigste aber sind und bleiben die Eltern! Selbst wenn in der Kita einiges nicht so gut läuft, können liebevolle Eltern, die Zeit mit ihren Kindern verbringen, das wieder ausgleichen, indem sie ihr Kind ernst nehmen und ein würdevolles Leben als Familie leben.

FOCUS Online: Trotzdem verbringen viele Kinder ja sehr viel Zeit in den Einrichtungen.

Ballmann: Und deshalb möchte ich mit meinem Buch vor allem dazu beitragen, dass alle Familienmitglieder genauer hinsehen, wenn sich ein Kind, das eine Kita besucht, anders als sonst benimmt, verschüchterter wirkt oder jeden Morgen Anzeichen sehen lässt, dass es nicht mehr in die Kita möchte und wenn es abgeholt wird, weint, denn das können Symptome für Überlastung sein. Die Symptome von psychischer Gewalt sind nach außen zwar nicht immer sichtbar, aber bei genauerer Beobachtung des Kindes schon feststellbar. In diesem Sinne rufe ich hier alle Eltern zu einer höheren Achtsamkeit auf, ohne sie jedoch per se in Panik oder Ängste versetzen zu wollen.

FOCUS Online: Wie können Eltern denn eine gute Einrichtung erkennen?

Ballmann: Eltern sollten sich zunächst nicht durch eine schicke äußere Fassade blenden lassen. Sie sollten vielmehr darauf achten, ob sie sich selbst in der Einrichtung, wenn sie sie betreten, auch spontan wohlfühlen. Und sie sollten vor allem darauf achten, wie die Mitarbeiter miteinander umgehen. Das wichtigste – sie sollten versuchen, die Stimmung zu erspüren. Ich schaue mir auch immer den Zustand der Pflanzen und der Toiletten an, daran kann man auch erkennen, ob "Fürsorge" insgesamt und auf allen Ebenen stattfindet oder eben nicht. Eltern könnten auch einfach mal hören, was sie so alles wahrnehmen, ob zum Beispiel viel geschrien wird. Sie können darauf achten, ob Kinder sich selbst Essen nehmen dürfen, ob sie jedes Essen akzeptieren müssen und ob sie schlafen dürfen, wenn sie müde sind – auch außerhalb der Schlafenszeiten. Das alles können gute Indikatoren sein, obwohl es die absolute Sicherheit bei einer solchen Einschätzung nicht gibt.